Rezension

Roy F. Baumeister
Vom Bösen
Warum
es menschliche Grausamkeit gibt
Verlag
Hans Huber, Hogrefe AG, Bern 2013
ISBN:978-3-456-85233-1
Welch
ein Titel: Vom Bösen. Dazu hat es noch ein schwarzes Buchcover. Wieso interessiert
mich dieses Buch? Auf dem Klappentext finde ich eine Antwort. Es beschreibt
eine Innenansicht von Gewalt und Grausamkeit. Fragen werden gestellt: Was motiviert
Menschen dazu, grausam und gewalttätig zu sein? Wie können die Täter dies mit
ihrem Selbstbild als menschliche Wesen vereinbaren? Eine weitere Antwort ist
der Autor. Roy F Baumeister ist ein Sozialpsychologe, der sich als
Wissenschaftler diesen Fragen stellt.
Wieso
interessiert mich das Thema im Kontext von Frauen und Karriere? Für mich ist
die Assoziationskette: Karriere, Führung, Macht, der verantwortungsvolle Umgang
mit Machtfülle und dazu gibt es einen Gegenpol: Machtmissbrauch, Gewalt und damit
bin ich beim Thema des Buches gelandet.
Gerade
weil der Umgang
mit Macht für viele Frauen Neuland darstellt, finde ich es so
zentral deren Schattenaspekte, deren Gefahrenzonen gut zu kennen.
Das
Buch unter diesen Aspekten zu lesen lohnt sehr. Es ist sehr gut lesbar
geschrieben, ohne dadurch seine profunde wissenschaftliche Fundierung zu
verlieren. Die Beispiele sind nachvollziehbar. Vor allem besticht, wie
differenziert der Autor an das Thema herangeht und vor allem wie sensibel.
Baumann ist nicht moralisierend, er will verstehen. Dabei verliert er nie die
Sicht auf das Leiden der Opfer aus dem Blick. Sein Anliegen ist es jedoch die
Antriebsmechanismen zu verstehen, die Menschen zu bösen Handlungen veranlassen.
Baumeister
setzt sich dabei mit bisherigen Forschungsergebnissen ebenso differenziert
auseinander, wie mit gesellschaftlichen Mythen vom Bösen.
Er
schildert sehr bedrückend, wie wenig Wahrnehmung der Täter für die Konsequenzen
bei seinen Opfern hat. Diese komplexen psychischen Mechanismen beschreibt er
sehr nachvollziehbar (Teil1).
Er
arbeitet (in Teil 2)vier zentrale Wurzeln des Bösen heraus:
- Habgier, Wollust, Ehrgeiz: Das Böse als Mittel zum
Zweck
- Egotismus (Egoismus) und Rache
- Wahre Gläubige und Idealisten
- Kann das Böse Spaß machen? Die Freude anderen weh
zu tun
Für
die mich interessierenden Fragen fand ich viele Anregungen und Antworten.
Bereits
in dem ersten der vier Hauptkapitel wird an vielen anschaulichen Beispielen
deutlich, dass der Ehrgeiz oder der ausschließliche Focus auf die
eigenen Interessen die Gefahr in Hülle und Fülle birgt, Anderen gegenüber
schädigendes Verhalten anzuwenden. Es ist nicht der Mensch der in seinem
Handeln böse ist, sondern diese Schädigungen werden in Kauf genommen, um sehr
pragmatisch und zielgerichtet eigene Interessen zu verfolgen. Es erscheint
effizienter so vorzugehen. Das trifft vor allem dann zu, wenn längerfristige
soziale Konsequenzen und Rückkoppelungs-schleifen nicht mit bedacht werden. Der
soziale Bezug und die Wahrnehmung des Anderen als fühlender Mensch werden
zugunsten der eigenen Ziele dabei völlig ausgeblendet.
Im
Themafeld von Egoismus
ist die Bedrohung des eigenen Selbstwertes von Bedeutung. Der Autor arbeitet
mit dem englischen Begriff des Egotismus und definiert diese Eigenschaft so:
die Einstellung, sehr gut über sich zu denken (s.159). Wird als hoch
eingestufte Selbstbild von anderen nicht geteilt und in Frage gestellt, löst es
Wut und den Wunsch nach Rache aus. Das allerdings nur dann, wenn das
Selbstwertgefühl nicht innerlich stabil und zugleich flexibel ist. (Eine
Flexibilität zeigt sich darin einem Anderen eine andere Sicht von sich selbst
zuzugestehen, ohne in Selbstzweifel zu geraten).
Für
Frauen sind hier zwei Themen von besonderem Interesse:
- So zentral es ist, den eigenen Selbstwert zu
steigern (denn der Selbstwert von Frauen
liegt statistisch noch immer unter dem von Männern) so wesentlich ist es dabei
zugleich, die Flexibilität mit zu entwickeln. Das offen sein für
unterschiedliche Siegelungen von außen und zugleich im Kern von sich selbst
positiv überzeugt zu sein ist hier die Aufgabe.
- Besonders angreifbar ist der Selbstwert durch das
Thema Neid.
Hier ist das Thema „Zickenkrieg“ indirekt angesprochen. Neid als inneren
Ansporn zu erleben führt nicht zu (indirekter) Gewalt. Erst wenn sich Neid mit
dem Gefühl der Handlungsunfähigkeit verbindet wird aus dem inneren Schmerz eine
Quelle der Gewaltausübung. Von Baumann wird vor allem der Aspekt der erlebten
Ungerechtigkeit hervorgehoben (s.171/172).
Das
Buch von Roy. F. Baumeister ist eine sehr gelungene Studie über die seelischen
Abgründe des Menschen. Das Original ist bereits 1997 erschienen. Dennoch haben
seine Analysen nichts an Aktualität eingebüßt. Diese inneren Abgründe zu kennen
kann hoffentlich helfen, sich nicht aus blindem Eigennutz zu bösen Taten
hinreißen zu lassen. Damit dies möglich ist, bedarf es der Entwicklung von Selbstkontrolle
und Selbstdisziplin.
Dies sind psychische Kontrollmechanismen, die der Pflege bedürfen. Sie sind nicht
einfach da. Sie brauchen eine ständige achtsame Präsenz um zu wirken. Vor allem
braucht es ein Mitwachsen mit den Anforderungen im der realen Umgebung. Je mehr
an Verantwortung wir übernehmen, umso mehr brauchen wir an Fähigkeiten, die
damit verbunden schwierigen Gefühle regulieren zu können. Je mehr Verantwortung
umso wichtige ist es auch, sich immer wieder für die Hinterfragung durch Andere
zu öffnen und sensibel für Kritik und Selbstüberprüfung zu bleiben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen